1987: Als Dschibuti noch keine Festung war

Der einheimische Polizist war jung, sehr jung. Und hungrig. Wir saßen im Restaurant des Flughafens von Dschibuti und hatten ihn zum Frühstück eingeladen. Hier zu essen hatte er sich bisher nicht leisten können. Die Preise hätten wahrscheinlich einen nennenswerten Teil seines kargen Monatslohns verschlungen. Sein Englisch war leidlich und er war stolz, uns führen zu dürfen.

Er kam ins Erzählen: Die Deutschen würde er ganz besonders lieben, die seien großartig. Sie hätten ihn ausgebildet, und deshalb sei er ja jetzt ein so guter Polizist. – Deshalb also war die Dschibuti-Polizei in VW-Golfs unterwegs.

Das war am 16. März 1987. Damals stand ich noch mit einem Fuß in der Meeresforschung, war aber schon recht weit auf dem Weg in den Journalismus. Tags zuvor war ich mit meinem Kamerateam in dem Mini-Staat um den Golf von Tad-Joura gelandet. Die erste große Auslandsreise der nagelneuen Meteor sollte für das deutsche Fernsehen dokumentiert werden.

Als mein Blick durch die Scheibe zu den Wartenden in der Abflughalle schweifte, sah ich dort zwei leibhaftigen Bundeswehrsoldaten.

Bundeswehr, hier? Damals durfte die Bundeswehr doch noch gar nicht im Ausland tätig sein. Ich stand auf, ging hinüber zu der Gruppe und stellte mich vor. Und richtig: Es waren Soldaten der Bundeswehr. Ausbilder für die hiesige Polizei – behaupteten sie wenigstens. Einer hatte seine Tochter zum Flieger nach Deutschland gebracht. Wir verabredeten uns für den Abend zu einem Bier in unserm Hotel Plein Ciel.

Die Zeit drängte an diesem Tag. Wir mussten weiter. Zum Informationsministerium, zum Außenministerium. Drehgenehmigungen besorgen und Aufwartung machen. Überall trafen wir auf außerordentlich nette und zuvorkommende Leute. Augenscheinlich freuten sich alle über unsern Besuch. Eine Abwechslung in ihrem Behördenalltag. Doch immer gab es da einen schweigsamen Franzosen im Hintergrund, der mit seiner Anwesenheit klar machte, wer hier wirklich das Sagen hat.

Am späten Nachmittag waren es dann schon drei uniformierte Bundeswehrsoldaten, mit denen ich beim Bier zusammen saß. Freundlich Kerle. Ein bisschen machohaft. Aber was machten sie wirklich hier? Sie erzählten etwas von Autowerkstatt, Musikkorps, Entwicklungshilfe. So richtig wollten sie mit der Sprache nicht heraus. Aber ein netter Abend war es dennoch.

Ob wir denn nicht mal mit dem ganzen Team und ihren Frauen schön Essen gehen könnten, schlug einer vor? Gerne. Wir verabredeten uns für den Abend des 19. März, Treffpunkt in unserm Hotel.

Ob man denn vielleicht auch das Forschungsschiff besichtigen könne? Ja, warum nicht? Ich würde den Fahrtleiter fragen.

Der einzige Drehtermin, den wir in Dschibuti an Land geplant hatten, war für den Morgen des 18. März vorgesehen: Die Ankunft der Forscher aus Deutschland. Die Einreise-, Zoll- und Filmformalität hatten sich ja schneller und angenehmer erledigt als erwartet.

Wir erkundeten die Stadt, den bunten Markt, die Gassen, und fanden verborgene Ecken, wo die alte Kolonialherrlichkeit in morbidem Charme vor sich hinbröckelte. Heute würde man sagen, eine multikulturelle Stadt: Äthiopier, Somalier, Araber, Inder. Und immer wieder die kahl geschorenen französischen Fremdenlegionäre in Zivil, die zeigten, wem dieses kleine Land eigentlich wirklich gehört.

Auf der staubigen Straße fuhren wir mit dem Toyota, den uns der Schiffsausrüster geliehen hatte, durch die Steppe Richtung Dikhil zur Plage d‘Arta an der Küste hinter Weah. Das Wasser des Tad-Joura-Golfs war Blutrot. Trotzdem badeten wir.

Ich war nicht das erste Mal in Afrika. Aber dies hier schien mir ein sehr sicheres Land zu sein. Keine Polizei- oder Sicherheitskontrollen, keine Wegelagerer, keine Aggressionen. Nur den kleinen Gruppen der Fremdenlegionären, meist in Zivil, wich man ängstlich aus. Sie hatten etwas herrisches an sich und wo immer sie auftauchten, lag Spannung in der Luft.

Um die Ecke vom Plein Ceil lag das Historil, dem Café im alten Kolonialstil. Abends, manchmal auch zwischendurch, saßen wir hier, mit Logenblick über das Gewimmel auf dem Place du 27 Juin. Wie die wenigen Einheimischen, hielten auch wir uns immer etwas abseits der Legionäre, die mit zunehmendem Alkoholspiegel recht unangenehm werden konnten.

Eines Nachmittags erhielten wir eine Einladung des deutschen Botschafters, er aus dem Jemen hier nach Dschibuti gekommen war. Die Regierung würde einen Empfang für die Konferenz der Internationalen Behörde für Dürre und Entwicklung (IGADD) geben. Er würde sich freuen, wenn auch wir dabei sein könnten.

Wir waren dabei. Auch wenn unsere Kleidung sicherlich nicht dem Anlass entsprach, genügte der Hinweis, dass wir ein Fernsehteam aus Deutschland seien, um uns die Türen aufzuhalten. Keine Ausweiskontrolle, kein Sicherheitscheck, kein Durchleuchtungsapparat. Angenehm.

Am 19. März war die Meteor da. Wir konnten auch gleich unsere Ausrüstung an Bord bringen und die Kabinen beziehen. Der Fahrtleiter, Prof. Bernt Zeitzschel, war mit dem Besuch der Soldatenfamilien einverstanden. Im Hotel hinterließen wir eine Nachricht an die Bundeswehr, uns auf dem Schiff zu treffen.

Sie kamen am Nachmittag in Begleitung ihrer Ehefrauen. Der Fahrtleiter nahm sich die Zeit, unserm Besuch die neue Meteor in aller Ausführlichkeit vorzustellen.

Als wir noch in der Kammer von Prof. Zeitzschel standen – oder standen wir schon draußen auf der Pier? – kam die Nachricht von einer Bombenexplosion im Stadtzentrum. Ich meine auch, kurz vorher einen tiefen Explosionsknall gehört zu haben, dem ich aber keine Bedeutung beigemessen hatte.

Schnell wurde klar: Da sind Leute von uns in der Stadt. Die Bundeswehrsoldaten versuchten Informationen zu bekommen. Der Schiffsausrüster erschien. Die Bombe hätte das Historil zerstört. Waren dort vielleicht auch die Wissenschaftler eingekehrt, die gestern angekommen waren? Ungewissheit. Angst.

Noch stand unser Mietwagen auf der Pier. Ich fuhr die beiden Professoren – Hjalmar Thiel war auch dabei – direkt zu den Trümmern des Cafés. Die Scheinwerfer der Landrover, die im Halbkreis um den Platz standen, beleuchteten eine gespenstisch-chaotische Szene. Thiel kletterte suchend über die Steine. Ich wagte mich nicht allzuweit vom Wagen weg. So konnte ich ihn wegfahren, wenn er einem Rettungswagen im Weg stehen sollte. Oder schnell weiter zu den Krankenhäusern, um dort zu suchen.

Wir fuhren weiter zum Sammelplatz für die Verletzten. Zeitzschel und Thiel stiegen aus, ich wartete im Wagen. Es dauerte eine Ewigkeit. Landrover donnerten hupend vorbei, Menschen liefen herum, scheinbar ziellos, einige humpelten und bluteten.

Dann kamen sie zurück. Ernst, sehr ernst. Zeitzschel schüttelte wortlos den Kopf. Annette, Daniel und Marco waren tot. Die anderen lagen auch dort. Wie es um sie stand, war unklar. Stille im Auto. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich meine Hand zum Zündschlüssel bewegen konnte und den Motor wieder anließ.

Wie Wissenschaftler und Besatzung an Bord die Nachrichten aufnahmen, weiß ich nicht. Ich blieb draußen auf der Pier und schaute über den Hafen aufs Meer. Langsam, ganz langsam fiel mir wieder ein, dass ich ja einen Film zu machen hatte, dass ich Journalist bin, Berichterstatter.

Aber kein Kriegsberichterstatter. Nein, mit der Kamera zurück zu den Trümmern, zu den Schreien und dem Blut kam nicht in Frage. Das hätte mein Kameramann auch nicht mitgemacht. Lieber die Trauer, die Hilflosigkeit, den Schmerz in Parabelbildern ausdrücken.

Doch eine Nachricht musste nach Deutschland gehen. Die Öffentlichkeit drüben in Europa hatte ein Recht darauf. Das ging nur über den Schiffsfunk oder mit der Hilfe unserer neuen Bekannten von der Bundeswehr. Deren Funkeinrichtungen lagen aber draußen hinter der Stadt.

Auf dem Schiff fühlte ich, dass mir Misstrauen entgegen schlug. Für ein einziges Telefonat musste ich lange verhandeln – und einer der leitenden Wissenschaftler bestand darauf, mitzuhören. Dabei erfüllt die Presse eine öffentliche Aufgabe. Öffentliche Vertreter sind gehalten, die Arbeit von Journalisten zu erleichtern. Aber ich sah auch, welcher Druck und welche Angst auf den Verantwortlichen lasteten. Ich verstand sie.

An Bord begannen Verschwörungstheorien Trauer und Schock zu überlagern. Man wollte verstehen, was nicht zu verstehen war. Antworten auf Fragen, auf die es keine Antworten gab. Erst spät in der Nacht wich die bleierne Stille der Ruhe der Erschöpfung.

Am nächsten Tag malten die Seeleute eine Trauerbotschaft auf die Kaimauer zwischen all die Nachrichten und Embleme, mit denen sich Seefahrer aus aller Welt hier verewigt hatten. Wir erwirkten eine Drehgenehmigung für den Ort der Katastrophe, packten Kamera, Stativ und Tonband ein und fuhren zum Place du 27 Juin. Die Stadt war wie ausgestorben. Keine Menschen, keine Autos.

Stechende Hitze lag über den Trümmern des Historil, wo uns ein einheimischer Polizist und einer der Bundeswehrsoldaten schon erwarteten. Nicht einmal die Möven, die über dem Platz kreisten, gaben keinen Laut von sich. Ein Windhauch wirbelte Staub auf. Behutsam schwenkte der Kameramann die Szene ab, konzentrierte sich auf Details. Es war der Versuch, eine Stimmung in Bilder umzusetzen, die nahe gehen, aber nicht schockieren sollten.

Auch wir hatten dort gesessen. Uns am Leben erfreut, das sich auf diesem Platz abspielte, und von dem wir glaubten, dass es friedlich sei.

Glück gehabt. Wieder einmal. Es war nicht der erste Terrorschauplatz, den ich gesehen habe. Und ich war Jahre vorher dem Tod auch schon verdammt nahe. Es ist ein unbeschreibliches Glücksgefühl, wenn man sich bewusst wird, dass man trotz allem immer noch lebt. Es mag pietätlos klingen, aber dieses Gefühl stieg vor dem Bild der Historil-Trümmer wieder in mir hoch. Ein freundlicher Schleier der Endomorphine.

Das Jahr 1987 wird in der Geschichte der deutschen Meeresforschung lange in Erinnerung bleiben. Zur selben Zeit als in Dschibuti die jungen Forscher starben, machte Hans Fricke bei den Komoren fast 3.000 Kilometer südlich seine atemberaubenden Bilder von den Quatenflossern. Und während die überlebenden, schwer verletzten Wissenschaftler noch immer im Krankenhaus lagen, wurden neue Institute gegründet: Das GEOMAR in Kiel, das Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) in Oldenburg und das Klimarechenzentrum (DKRZ) in Hamburg. Auch reiften 1987 mit den Planungen für die International Global Ocean Flux Study (JGOF) schon wieder neue, internationale Forschungsprojekte heran.

Dschibuti konfrontierte die Wissenschaftler hart mit der Wirklichkeit in dieser Welt. 1987 waren die Mudschahedin und Taliban noch die Guten, die Familien des heutigen US-Präsidenten und von Osama Bin Laden gute Geschäftsfreunde. Die Sowjetunion war, so kurz vor ihrem Zusammenbruch, mit sich selbst beschäftigt. Afrika stand und steht den Begehrlichkeiten und der Arroganz des Westens ohnmächtig gegenüber. Einer Arroganz, die das Auftreten der Fremdenlegionäre und französischen Berater in Dschibuti einem außen stehenden Besucher nur zu deutlich vor Augen geführt hat. Hier prallte die Arroganz der Macht auf den verzweifelten Überlebenswillen von Einheimischen und Flüchtlingen. Am 27. September 1990 tötete erneut ein Anschlag Menschen. Diesmal im ebenfalls bei Franzosen beliebten Café de Paris. Die auch ins Historil geworfenen Granaten explodierten nicht. Die Attentäter nannten sich Jugendbewegung von Dschibuti.

Inzwischen ist Dschibuti eine der sichersten Festungen der Welt, in der Afrikaner nur noch geduldet sind. Neben der US-Armee, die gerade ihr Camp Lemonier auf zwei Quadratkilometer ausbaut, haben sich deutsche, italienische und spanische Armeen hier festgesetzt. Fünf-Sterne-Hotels überragen die traditionell niedrigen Häuser der Stadt, und Dubai Port Consult hat Flug- und Seehafen übernommen. Schon spricht man von Dschibuti als dem nächsten Dubai. Eine moderne, wirtschaftsfreundliche Oase, umgeben von Wüste und Armut.

Unser Film wurde noch bis in die 90er Jahre hinein im deutschen Fernsehen wiederholt, bis er neueren Forschungsthemen Platz machte. Es war der vorletzte Film, den ich realisiert habe.

Dem Journalismus und Afrika bin ich treu geblieben. Heute motiviere ich drei afrikanische Wissenschaftsjournalisten. Drei von 70 in einem großem Fortbildungsvorhaben. Damit sie fähig werden, das einzufordern, was ihnen die Wissenschaftler vorenthalten. Denn von den Ergebnissen der ersten großen Forschungsreise der Meteor 1987 vor ihren Küsten haben sie nie etwas erfahren dürfen.

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Der Tod der Wissenschaftler in Djibouti war Anlaß für die Gründung der Annette-Barthelt-Stiftung am 10. Mai 1988 (http://www.annette-barthelt-stiftung.de).

Die Stiftung widmet sich zwei ständigen Aufgaben:

I. Sie bemüht sich darum, die Problematik des Terrorismus sowie seine Folgen für die Betroffe­ nen und für die Gesellschaft öffentlich darzusteIlen, indem sie bedeutende Beiträge, die die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus zum Gegenstand haben, durch Zuwendungen aus­ zeichnet.

II. Sie zeichnet herausragende wissenschaftliche Arbeiten junger Meereskundler, die im An­ schluss an eine in der Regel seegehende Forschungstätigkeit vorgelegt werden, jährlich mit dem „Annette Barthelt-Preis für Meeresforschung“ aus.

 


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