Obdachlosenzeitung mit Kreditkarte zahlen

Thomas verkauft seine Straßenzeitungen im Bahnhof von Göteborg auch gegen Kreditkartenzahlung. Foto: Mario Prhat/Faktum.se
Thomas verkauft seine Straßenzeitungen im Bahnhof von Göteborg auch gegen Kreditkartenzahlung. Foto: Mario Prhat/Faktum.se
In Westschweden nehmen die ersten 15 Verkäufer des Obdachlosenmagazins „Faktum“ auch Zahlungen per Kreditkarte entgegen. Die Stockholmer Schwesterzeitschrift „Situation Stockholm“ kann man bereits seit einem Jahr mit Kreditkarte bezahlen. Das war nötig, denn die Leserschaft steigt beständig, vor allem die ohne Bargeld, die für guten Journalismus zahlen wollen.

80 Prozent aller Einkäufe werden in Schweden mit Kreditkarten bezahlt. Immer weniger Schweden haben deshalb Bargeld im Portemonnaie. Aber viele wären bereit, die 50 Kronen, die „Faktum“ kostet, mit ihrer Bank- oder Kreditkarte zu zahlen. Auch die Verkäufer begrüßen das, wie Thomas, einer von ihnen, meint: „Ich habe meine Kunden gefragt und viele sagen, sie hätten die Zeitschrift nicht gekauft, wenn ich nicht ihre Kreditkarte genommen hätte. Mit dem Lesegerät hat sich mein Kundenkreis enorm vergrößert.“

Die Redaktion von „Faktum“ hatte schon lange nach einer preiswerten Lösung gesucht. Die fand sie bei iZettle, einem erst 2010 gegründeten, schwedischen Unternehmen, das einen preiswerten Zahlungsverkehr für Bank- und Kreditkarten über Smartphones ermöglicht. Dazu muss nur ein einfaches Karten- und Chiplesegerät mit einer Tastatur für die Geheimzahl entweder über den Kopfhörerausgang oder über eine Bluetoothverbindung an das Handy angeschlossen werden. Die iZettle-Lösung bietet sich für kleine Händler an und ist besonders bei den Verkäufern auf skandinavischen Wochenmärkten beliebt.

Den „Faktum“-Verkäufern stellte iZettle die Lesegeräte kostenlos zur Verfügung, Sony steuerte die Smartphones für diejenigen bei, die nur ein einfaches Mobiltelefon haben, und die ehemalige staatliche Telefongesellschaft Telia stattete sie mit vorgeladenen Telefonkarten aus.

Wichtige Publikation mit hoher Auflage

Das „Faktum“-Magazin wird von sozial ausgegrenzten, heimat- und obdachlosen Menschen in westschwedischen Großstädten vertrieben. Es ist die einzige Papierzeitung, die trotz des Zeitungssterbens jährlich an verkaufter Auflage zulegt. Derzeit werden monatlich 36.000 Exemplare verkauft – sehr beachtlich für ein bevölkerungsarmes Land wie Schweden. Der Preis von 50 Kronen entspricht immerhin mehr als fünf Euro, von denen die Hälfte beim Verkäufer verbleibt.

Die 2001 in Göteborg gegründete Straßenzeitung hat sich seitdem viel Beachtung und sogar politischen Einfluss verschafft, wenn es um Menschen auf Straßen, Parkbänken oder in Flüchtlingsheimen geht. Viele ihrer Artikel wurden von etablierten Zeitungen übernommen. Ihren Schwerpunk sieht die Redaktion im investigativen und im Enthüllungsjournalismus.

Letzterer findet seinen Niederschlag in den äußerst kritischen, tief gehenden, oft überraschend offenen Interviews mit bekannten Persönlichkeiten aus Kultur, Sport und Politik.

Guter Journalismus zahlt sich aus

Große, landesweite Beachtung fand ein investigativer Artikel über die Ausspähung von Wohnungsmietern durch den schwedischen Geheimdienst SÄPO. Dazu muss man wissen, dass die übliche Wohnform in Schweden das Eigentum ist. Zur Miete wohnen meist nur sozial Schwache und Studenten.

Für viel Wirbel bei den Sozialbehörden sorgte die Aufdeckung, dass Hells Angels ein öffentlich gefördertes Erholungsheim für Familien betrieben.

Die Redaktion schreckt auch nicht davor zurück, die Namen von Mitarbeitern hinter anonymen Behördenentscheidungen zu veröffentlichen, wenn sie sich gegen Ausgegrenzte richten.

Das Beispiel von „Faktum“ zeigt, dass guter Journalismus nach wie vor gefragt ist und dass die Leser bereit sind, auch Papiermagazine zu kaufen und dafür sogar ordentlich zu zahlen. In einem Land, in dem Bargeld immer weniger eine Rolle spielt, ist es nur konsequent, dass auch Verkäufer von Obdachlosenzeitschriften Kreditkarten akzeptieren.


Wie Untersuchungen zeigten, ist die Handhabung von Bargeld wesentlich teurer, als die ein bis drei Prozent, die Kreditkartenunternehmen für Transaktionen fordern. Allein die Verteilung von Geldscheinen durch Sicherheitstransporte kostet ein Vermögen, ganz zu schweigen von Investitionen und Wartungskosten für Geldautomaten und sichere Kassen.

Mehr dazu: Schweden: Fast schon bargeldlos bei Technology Review, Juli 2013.

Aber es gibt auch kritische Stimmen und gewichtige Argumente gegen Plastikgeld: Den Artikel Angriff auf das Bargeld konnte man auf faz.net am 2014-05-17 lesen.


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