Vietnam: Am heiligen Ort

Pagode Linh Son bei Da Lat in den Bergen Süd-Vietnams
Pagode Linh Son bei Da Lat in den Bergen Süd-Vietnams

Das Gesicht an eine der blauen Blumenkugeln gelegt lächelt die junge Frau in die Kamera. Der warme Wind lockert ihr langes seidenschwarzes Haar ein wenig auf. Im Hintergrund glitzert die Spiegelfläche des Xuan Huong Sees zwischen den Kiefern hervor.

Ich sitze am Rande des weitläufigen Parks um die Pagode Linh Son bei Da Lat in den Bergen Süd-Vietnams. Ein heiliger Ort für die Buddhisten, ein Mönchskloster. Eigentlich ein Ort der Ruhe, den man angemessen gekleidet betreten sollte und der einem geradezu aufdrängt, langsam und gedankenvoll vor sich hin zu gehen und, wenn überhaupt, nur leise zu reden.

Die romantisch-kitschige Atmosphäre vor meinen Augen hat aber einen gewaltigen Störfehler: Zwei stiernackige Männer und eine sehr junge Frau mit einem Fotoapparat stehen auf der anderen Seite des Blumenbeets und geben der Langschwarzhaarigen lautstark Regieanweisungen als ginge es um ein Model-Foto für ein Mannequin. Die junge Frau,die sich das hinter dem Blumenbeet in Pose jonglierte, hatte eigentlich fast gar nichts an. Eine kurze Hose, die man früher als „Hot Pants“ bezeichnete und dazu ein eng anliegendes Nichts von einem Netzhemd. Nur die Brüste verhüllte ein darunter angelegter BH.

Überall um mich herum Rufe, lautes Gerede und Kindergeschrei, vorwiegend auf Russisch. Frauen mit dicken Hintern und viel zu kurzen Röcken oder dünnen Schürzenkleidern mit Blumenmuster aus den 50er Jahren. Kahl geschorene, dickhalsige Männer, deren harte Bassstimmen mitunter die Steine und den Messingbuddha erzittern lassen könnten.

Dennoch: Die Touristen schaffen es nicht, die Ruhe des Ortes völlig zu zerstören. Sie bleiben ja auch nicht lange. Fotos sind schnell gemacht. Zurück bleiben die sphärischen Klänge der vom Wind bewegten Eisenröhrenglocken und die besänftigendes Ausstrahlung der Häuser und Beete des Berges.

Frage:

Warum gehen Menschen an solche Orte, wenn sie sich gar nicht dafür interessieren, wenn sie nur sich selbst vor wechselnden Kulissen digitalisieren wollen und ihr Blick beim Gang durch die Hecken und hinunter zum See starr auf den Bildschirm ihrer Fotoapparate gerichtet bleiben?

Unauffällig:

Ich sitze hier direkt vor einem Canabis-Beet. Aber erstaunlicherweise nimmt niemand der rufend und knipsend vorbei Gehenden diese einzigartigen Pflanzen zur Kenntnis. Vielleicht weil sie noch keine Blüten haben und das eintönige Grün ihres Beetes zwischen den aufreizenden Farben der Blumen in den Nachbarbeeten langweilig erscheint?

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